Martin Quensel von Centrifuge: „Blockchain als Quelle der Wahrheit”

Martin Quensel ist einer der drei Mitbegründer von Centrifuge. Das Startup möchte die Financial Supply Chain auf die Blockchain bringen, damit Ineffizienzen beseitigen und unnötigen Mittelsmännern zuvor kommen. Dass die Gründer Potential haben, haben sie bereits mit ihrem ehemaligen Unternehmen Taulia bewiesen. Taulia ist ebenfalls in der Sparte Supply Chain Finance beheimatet und kann 97 der 100 Fortune-Unternehmen zu seinen Kunden zählen. Warum die Blockchain die Branche umwälzen wird und welche Rolle dabei Centrifuge einnehmen soll, erklärt uns Martin Quensel im Interview.

DApps und die Neuerfindung von Geschäftsprozessen

Bitte erkläre uns kurz, worum es bei Centrifuge geht und was ihr vorhabt.

Wir wollen Public und Permissioned Blockchains in einer offenen B2B Plattform kombinieren, dem Centrifuge OS. Jede Firma oder Organisation kann seine Identität verankern. Darauf aufbauend Beziehungen mit Lieferant, Kunde, Partnern, definieren und die Transaktionsdaten, wie Bestellungen, Wareneingänge, Rechnungen oder Zahlungsdetails teilen. Außerdem werden wir, und jeder der Teil unserer Community werden möchte, dezentrale Anwendungen, auch dApps genannt, entwickeln und anbieten können. Die Finanzierung von Rechnungen ist hier nur ein möglicher Anwendungsfall.

Das erklärt auch unseren Namen. Wie eine Zentrifuge verlegen wir die herkömmlichen Geschäftsprozesse, trennen die essentiellen Bestandteile und erfinden sie aufbauend auf Centrifuge OS neu. Es geht uns nicht um die Verbesserung dieser Prozesse. Das Optimierungspotential haben auch wir mit unseren vorherigen Unternehmen ausgereizt. Die Blockchain ermöglicht eine neue Art der geschäftlichen Interaktion. Dies erfordert neue Prozesse und das Potential ist unserer Meinung nach gigantisch und heute erst im Ansatz absehbar. 

Ergebnis-Prüfung durch Zero-Knowledge-Proof

Wie schafft ihr es als Open-Plattform, dass die Privatsphäre eurer Kunden geschützt bleibt?

Aktuell sind Public Blockchains wie Ethereum abgesehen von Kosten, Skalierbarkeit und Transaktionsgeschwindigkeit, noch kein Medium, mit denen Firmen Geschäftsdaten wie Rechnungen oder Bestellungen teilen wollen. Sensitive Informationen wie Preise oder Mengen würden früher oder später für Alle – auch Konkurrenten – sichtbar sein, wenn sie hier dauerhaft unveränderlich gespeichert werden. Das Gleiche gilt für einen Smart Contract, der die Geschäftsbeziehungen zwischen einem Lieferanten und seinem Kunden abbildet, da er ja dezentral auf allen Knoten ausgeführt wird und damit jeweils auch Zugriff auf die verarbeiteten Daten hat.

Wir kombinieren Permissioned Sidechains mit einer Public Mainchain. Alle Daten sind jederzeit öffentlich verifizierbar, werden aber nicht öffentlich gespeichert. Der Datenaustausch wird immer vom Knoten des Besitzers der Daten, beispielsweise den Einkäufer im Falle einer Bestellung, kontrolliert. Smart Contracts werden nur auf beteiligten Knoten ausgeführt. Zero-Knowledge-Proofs ermöglichen die Prüfung von Ergebnissen, ohne die Details teilen zu müssen. Diese Kombination von zum großen Teil bereits verfügbarer Technologie wird es jedem Unternehmen auf Centrifuge ermöglichen, alle seine Daten mit allen Geschäftspartnern in einem offenen dezentralen Netzwerk zu teilen, ohne Datenhoheit und -kontrolle an eine zentrale Schaltstelle oder Mittelsmann zu verlieren.

Neue ökonomische Systeme auf der Blockchain

Nun habt ihr bereits mit Taulia ein sehr erfolgreiches Unternehmen geschaffen, das im Supply Chain Finance Bereich aktiv ist. Warum greift ihr mit einer Blockchain-Lösung den Markt an, den ihr bereits für euch eingenommen habt?

Wir glauben nicht, dass wir mit etablierten Supply Chain Finance (SCF) Plattformen wie Taulia in Konkurrenz stehen. Das würde für uns Centrifuge Gründer auch gar keinen Sinn ergeben. Wir, Philip, Maex und ich, sind gleichzeitig auch Gründer von Taulia und haben natürlich noch Anteil an der Taulia.

Das Centrifuge OS ist wie gesagt eine offene B2B Plattform, wo jedes Unternehmen mit jedem Unternehmen Daten austauschen und teilen kann, und dabei die volle Souveränität über seine Daten behält. Es bietet also per se keine Finanzierungsfunktionen an.

Wir planen als ersten Anwendungsfall eine dezentrale Anwendung, die es SCF Anbietern ermöglicht, jedem Unternehmen auf der Centrifuge Blockchain-Finanzierung anzubieten. Auch Taulia kann hier gleichberechtigt mit anderen SCF Anbietern sein heute noch geschlossenes Netzwerk öffnen und seine großartigen Finanzierungsfunktionen für noch viel mehr einkaufende und verkaufende Unternehmen anbieten.

Die Blockchain ermöglicht völlig neue Token-basierte ökonomische Systeme, die – wenn richtig gebaut – als eigenständiges, dezentrales, sich selbstverwaltendes Gebilde funktionieren. Dies spiegelt sich in der Idee der dezentralen autonomen Organisation (DAO, digital decentralized autonomous organization) wieder und ist unserer Überzeugung nach nur durch einen radikalen Neuanfang mit einem neuen Unternehmen möglich – Centrifuge. 

Wo siehst du den größten Mehrwert, den die Blockchain in diesem Markt bieten kann?

Eine wirklich schwierige Frage. Es gibt so viele Mehrwerte und mir fällt es schwer, DEN Mehrwert zu nennen und die vielen anderen nicht. Wenn ich mich wirklich auf einen oder zwei festlegen muss, würde ich digitale Identität und darauf aufbauend die Interoperabilität mit Erhalt der Datenhoheit nennen, auch wenn es wie gesagt viele andere gleichwertige Mehrwerte gibt.

Lass mich kurz erklären, warum. Heute existiert eine Rechnung beispielsweise oft in einem halben duzend verschiedener Systeme, z. B. im Logistik- und Buchhaltungssystem des Lieferanten, dem Einkaufs- und Buchhaltungssystem des Kunden, einer Plattform für elektronische Rechnungsstellung, oder dem Finanzierungssystem einer Bank oder eines Finanzdienstleisters mit entsprechend hohem Klärungsbedarf. Jeder Teilnehmer speichert in seinen Systemen eine oder mehrere Kopien. Diese sind alle unterschiedlich, da die genutzten IT Systeme jeweils eigene Arten und Formate für die Übertragung, Speicherung und Verarbeitung der Daten nutzen. Fehler mit den entsprechenden Folgen sind der Alltag, nicht die Ausnahme. Die mit der Klärung und Abstimmung verbundenen Kosten sind enorm. 

Die Blockchain als Quelle der Wahrheit oder „Single Source of Truth“ ist ein Paradigmenwechsel. Die Daten in der Blockchain sind dezentral für alle Teilnehmer gleichzeitig und zu jeder Zeit verfügbar, ohne dass ein einzelner Teilnehmer (als Single Point of Failure) die Daten manipulieren könnte.

Centrifuge kann und will kein Finanzhandelsplatz oder Finanzanbieter sein”

Wie wollt ihr es schaffen, dass eure Kunden eure Blockchain-Lösung nutzen? Ist es nicht unfassbar schwierig, sich in der internationalen Handelsfinanzierung auf Standards zu einigen?

Wie gesagt, wir wollen keine Plattform zur Handelsfinanzierung sein, sondern „nur“ die Werte, also Assets, auf einem sehr viel einfacheren, sicheren Weg – bei dem den Einzelnen oder einer zentralen Instanz nicht mehr vertraut werden muss – über die Centrifuge Blockchain bereitstellen. Jeder Finanzanbieter, jede Finanzierungsplattform, hat heute Schwerpunkte. Diese verschiedenen Angebote nach Themen, Branchen, Instrumenten sind für eine sehr viel breitere Nachfragebasis einfacher und transparenter verfügbar. Wir stellen die Austauschplattform und die Repräsentation der Assets. Den Rest des Weges, die Finanzierung, gehen die Anbieter wie gewohnt. Alleine aus rechtlicher und regulatorischer Sicht geht dies auch gar nicht anders. Centrifuge kann und will kein Finanzhandelsplatz oder Finanzanbieter sein.

Daher glauben wir auch, dass es kein Problem sein wird, Kunden zu überzeugen. Sie können zusätzlich zu existierenden und bereits genutzten Lösungen Finanzierung suchen oder anbieten. Der Mehrwert der Blockchain liegt ja auch darin, dass die Daten „wiederverwendbar“ sind. Eine Bestellung kann zum Teil vorfinanziert werden, die dann erfolgende Lieferung kann versichert werden und für die abschließende Rechnung kann es ein Factoring geben. Die Daten werden jeweils durch das Centrifuge OS zur Verfügung gestellt. Erneute Anbindungen oder das Onboarding der jeweiligen Geschäftspartner entfällt. Die Centrifuge OS Datenbasis ist für alle Teilnehmer wiederverwendbar soweit die Dateneigentümer zustimmen.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Ihr seid nicht die einzigen, die an Blockchain-Logistiklösungen arbeiten. Beispielsweise ist auch IBM hier sehr aktiv und kann einige Pilotprojekte in diesen Bereich vorweisen. Seht ihr euch in Konkurrenz zu diesen etablierten Unternehmen?

Ja und nein. Erst einmal belebt Konkurrenz das Geschäft. Jede neue Idee, jeder neue Ansatz ist willkommen. Ausprobieren und Fehler sind wichtig, um die besten Wege nach Rom zu finden.

IBM ist hier ein Vorreiter, leistet großartige Arbeit mit Hyperledger Fabric und hat viel für die Akzeptanz von Distributed-Ledger-Technologie im B2B Bereich getan.

Wir gehen mit der Blockchain den offenen, dezentralen Weg. Wir glauben, dass sich die Nutzenpotentiale der Blockchain nur so erschließen lassen. IBMs Distributed-Ledger-Ansatz setzt eher auf geschlossene Systeme.

Das heißt, wir sehen uns nicht als direkte Konkurrenten. Markteilnehmer, die geschlossene Netzwerke vorziehen und denken, dass DLT hier die Lösung ist, werden mit IBM arbeiten. Alle, die offene dezentrale Lösungen vorziehen, eher nicht.

Noch ein weiter Weg”

Gerne wird behauptet, dass Blockchain-Anwendungen in der Logistik schneller einen kommerziellen Grad erreichen werden, als beispielsweise in den stark regulierten Bereichen Finanzen und Energie. Würdest du dem zustimmen?

Nein, das glaube ich nicht, und kann es auch so nicht im Markt sehen. Neben einer Vielzahl von Projekten im Bereich Logistik gibt es auch sehr viele Fintechs und gerade im Energiesektor die wirklich ersten Live-Use-Cases.

Logistik ist ebenfalls reguliert. Zollbestimmungen, Sicherheitsbestimmungen für Transport, Lager, vorgeschriebene Versanddokumente usw. in den verschiedene Juristiktionen sind nur Beispiele. Es geht also vielmehr darum, wie Blockchain schon heute mit der notwendigen Regulatorik sinnvoll kombiniert werden kann. Die Blockchain kann leider noch keine vorhandenen und notwendigen Regularien ersetzen. Dies ist noch ein weiter Weg mit dem Gesetzgeber und den jeweiligen Regierungsbehörden. Wir betreten diesen Weg gerade mit den ersten B2B Blockchain Lösungen. Sie sind der Anstoß.

Der Blick in die Zukunft

Blicken wir mal in das Jahr 2025. Wie groß wird der Einfluss der Blockchain-Technologie im Logistik-Sektor sein? Werden dann alle Handelsdokumente und Finanzierungen über eine Blockchain abgewickelt werden?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass es langfristig der Fall sein wird, ich weiß aber nicht, ob dies schon 2025 so ist. 2025 werden wir sicherlich die ersten Früchte aus der Regulierungsdebatte geerntet haben und bestimmte Länder – sicherlich auch aus dem Baltikum -, oder Regionen wie vielleicht die EU, werden Blockchain dokumentierte Prozesse als Ersatz für heute übliche Dokumentationen akzeptieren.

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Über Phillip Horch

Phillip HorchPhillip Horch hat im Oktober 2017 sein Masterstudium in Literatur-Kunst-Medien an der Uni Konstanz abgeschlossen und arbeitet seitdem als freier Journalist. Bereits während seinem Studium hat er für verschiedene Magazine geschrieben und fasst nun in Berlin Fuß. Im Fokus seines journalistischen Schaffens stehen vor allem die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung, sodass er sich seit einiger Zeit auch mit dem Themenkomplex Blockchain und Kryptowährungen befasst.

Bildquellen

  • Martin Quensel: Centrifuge
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